Zen … in der Kunst des Lächelns

Zen … in der Kunst des Lächelns

25. November 2020 0 Von Michael Muschke


Der Herbst zeigt sich weiterhin von der guten Seite … Sonne, blauer Himmel, Alpen ›weiß‹ und frische Luft, die zu tiefen Atemzügen einläd.

Weiterhin früh steige ich in mein Bett und entsprechend früh auch wieder hinaus. Lange Meditationen, Sandelholz-Massagen, Rohkostfrühstück und danach an die Arbeit … die Fertigstellung meines neuen Buches liegt in den letzten Atemzügen. Auch die Kommunikation mit Freunden und Bekannten … Menschen, die ein wenig Unterstützung benötigen, gehört im Moment zu meinem Vormittag.

Zum Mittag … etwas Warmes auf den Teller. Was mir in den letzten Jahren fehlte, war … das Wissen, was der Tag bringen würde … ein in den Grundzügen vorgeszeichneter Plan. Das Driften scheint vorerst vorüber – ich erlebe das Glück, erfüllter Stunden.


Das Blut in meinen Adern scheint freier zu fließen. Die Muskeln freuen sich über Aktivität – erledigen geschmeidig ihre Arbeit. Die Haut in meinem Gesicht ›kribbelt‹ – frostige Luft – und freut sich über das wärmende Licht der Sonne. Auf den Waldwegen herrscht an vielen Stellen Dauerfrost. Die Weiher und Teiche beginnen zarte Eisschicht zu bilden. Die Natur bereitet sich auf ihren Winterschlaf vor. Über den Tälern hängt vielerorts Nebel oder Wolken verzaubern den Anblick, im gelblich-roten Licht der tief-stehenden Sonne … Windstille.


Meine Gedanken fließen in gleichmäßigen Rhythmus. Vergangene Erlebnisse, Begegnungen mit Seelenverwandten – ein endloser Strom verschiedenste Ereignisse. Bilder kommen und gehen … vermischen sich mit den Farben und Formen der Umgebung. Mein Körper scheint an diesem Tag eine besondere Verbindungen mit dem Bike eingegangen zu sein. In den Kurven werden beide als Einheit empfunden. Kaskadierende Freudenschübe steigen die Wirbelsäule hinauf verbinden sich mit den unsichtbaren Kräften um mich herum. Ich fühle den Untergrund an den Dämpfern, Reifen und Pedalen. Meinen Augen entfließen salzige Wässer … die Kilometer fahren sich mühelos an diesem Tag. Sandelholzduft erreicht von Zeit zu Zeit meine Nase … das morgendliche Treatment zeigt nachhaltig Spuren. Körper, Geist und Seele sind im Frieden.



Mein Plan war, noch einige Lebensmittel für ein Picknick am Waldrand zu besorgen und deshalb mußte ich für einen Moment die herbstliche Natur bzw. Idylle verlassen. Auf den Straßen, gestreutes Salz … die Feuchtigkeit am Asphalt haltend. Eine gut funktionierende Strategie, die – so könnte man jedenfalls vermuten – von der Autoindustrie erfunden wurde. Die aggressiven Salze stören nicht nur die Natur, sie schädigen auch im hohen Maß die Karossen unserer vierrädrigen Gefährten. Der Preis für den Luxus, die Straßen weiterhin unbewußt befahren zu dürfen. Mein Bike ist nur partiell betroffen die Kette. Ungepflegt, wird sie das den Frevel des Winters nicht überstehen.



Sofia

Am Diskounter parke ich mein Bike an der dafür vorgesehenen Stelle. Es stehen schon einige Bikes … darunter auch eine ›Augenweide‹. Im Markt, reges Treiben. Die 20m2-Regel scheint hier noch nicht zu greifen. Ich suche mir meine Gemüse aus dem Bio-Regal und greife auch nach einer der unwiderstehlich aussehenden Dinkel-Krusten. Der Geist war sehr willig … doch das Fleisch obsiegte. Die ›Göttliche Mutter‹ meint es gut mit mir, an diesem Tage. Ein kleiner Bauern-Käse, mit voll erworbener Reife, wird zum halben Preis an mich weitergerecht. Ein perfektes i-Tüpfelchen, für ein Picknick am sonnigen Waldesrand. Anstellen, Abstandhalten, Jeff Beck hören … zahlen. Ich danke und verabschiede mich, bei der freundlichen Kassiererin.

Zurück am Biker-Parking-Place, werde ich von einem freundlichen Gesicht gemustert. Die Musterung erstreckt sich zweifelsohne auch auf mein Bike. Ich kann und will mir das aufkommende Lächeln nicht verkneifen. Ich sehe wie die Lippen der scannenden Zweirad-Kollegin etwas zum mir sagen. Selten genug, sind Begegnungen dieser Tage, … ich lege mein rechtes Ohr frei und bitte um Verzeihung – schiebe die Schuld, meiner fehlenden Aufmerksamkeit für die Konversation, auf Jeff and Beth. Mit einem verständnisvollen Lächeln wird mir verziehen. Mit nicht ganz Akzent-freien Deutsch wechseln wir ein paar Worte – Smalltalk.

Schnell wird klar, daß die Chemie stimmt und auch tiefere Themen zur Tagesordnung gehören. Ich wage einen dirketen Vorstoß: „Ich habe gerade einige Sachen für ein Picknick gekauft. Wir können an einem sonnigen Platz zusmamen Mittagessen. Ich heiße Michael.“

„Je m’appelle Sofia – je suis pour!“

Ich erkläre, daß ich keinerlei Französich-Kenntnisse aufweise. Ich würde gerne Französisch lernen irgendwann einmal vielleicht im nächsten Leben oder doch gleich anfangen?

Ich fahre vor und Sofia folgt mir. Frauen erst einmal folgen sie brav und dann hauen sie uns Männchen in die Pfanne! Heute wird nichts anbrennen … ich fühle mich frei und voller Freude fahre auf kürzesten Weg zum naheliegensten Wald. Wenn nicht schon Sofias Bike und Figur Auskunft erteilt hätten, spätestens jetzt wurde klar, daß die attraktive Bikerin aus Frankreich ihr Leben auch sportlich-aktiv verbrachte.

„Vite, vite – Vieillesse!“

Und zack, war sie an mir vorbei. Ich sah kaum ein Stich hatte aber natürlich den Heim-Vorteil und letztlich mußte sie immer wieder warten, bis ich sagte, wo es langgeht. Mir fiel es also doppelt leicht, Erhabenheit an den Tag zu legen. Wenn ich allerdings gewußt hätte, daß sie mich ›Alter Mann‹ nannte…

…hübschen Frauen verzeihen wir alten Männer nahezu alles! Überhaupt Alter war nie wirklich ein Thema für mich. Ich fühle mich, in geradezu identischer Weise, wie vor zwanzig oder dreißig Jahren. Natürlich gibt es Unterschiede … aber diese verbinde ich nicht mit Unfähigkeit oder Handicap. Das krampfhafte Image vom Jung-sein greift bei mir nicht. Eine der meist durchgeführten Schönheits-Operationen in der westlichen Welt, betrifft die Schamlippen der Frau. Selbst junge Mädchen werden solcher Operationen unterzogen. Für mich ein Tatbestand, der eigentlich strafrechtlich verfolgt werden müßte! Doch … in einer Welt, die Geld über alles stellt, sind selbst solch freiwillige Verstümmelungen nur noch ein Achselzucken wert.

Was mich – in Bezug auf das Thema ›Alter‹ – auch beschäftigt ist, wie die jüngeren Generationen ihr Alter erleben werden. Zyniker sagen, daß dies kein Thema sei … weil diese Generation es nicht erleben werden! So zynisch es auch klingt, jeglicher Wahrscheinlichkeit entzogen, sind solche Aussagen nicht.

Wir fanden unseren ›Platz an der Sonne‹ und sprachen über ›Gott und die Welt‹. An unserem windgeschützen Platz war es warm genug, um sich der Jacken, Handschuh und Kopfbedeckungen zu entledigen.

Wenn man eine Zeit mit dem Bike die Berge hoch und runtergefahren ist, die Luft frisch und kalt die freien Hautpartien berührt, muß man sich um einen gesunden Appetit keine Gedanken machen. Als Single, der nun schon seit Jahren seinen Weg alleine geht, ist ein Essen mit einem Freund oder Gleichgesinnten schon etwas Besonderes. Das gilt umso mehr, wenn das Universum mir einen lieben Menschen auf den Weg setzt … auch wenn es nur für eine paar Stunden ist.

Nach unserem Picknick lagen wir Kopf an Kopf und Schulter an Schulter … teilten uns die wunderbar warmen Sonnenstrahlen und Jeff Beck and Friends. Es war ein bißchen, wie in den Kindertagen … nur das ich die Situation nun viel bewußter in mich hineinsaugte. Sofia meinte, daß sie das Gefühl geträumt hatte. Ich war nicht in ihrem Traum gewesen, aber das Gefühl sei exakt das gleiche. Auch mußte ich ein paar Mal, Zeilen von ›Morning Dew‹ für sie singen. Ich kam dem gerne nach – sah es gleichzeitig als Danksagung an die göttliche Mutter, für dieses schöne und Hoffnung-spendende Erlebnis.

Hinter eine Maske versteckt, hätten wir uns nicht Lächeln sehen udn wahrscheinlich ein so bereicherendes Erlebnis verpaßt. Es ist ist schon tragisch-absurd, wie wir – die Menschenheit – dieses Jahr verbracht hat. Nutze jede Sekunde, um dem Wahn zu entfliehen, intensiv und freudvoll zu leben!

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…m…

Beitragsbild: ›Bikerin‹ Manosainz Frankreich