Motiv, Raum … Hintergrund

Motiv, Raum … Hintergrund

26. Oktober 2020 0 Von Michael Muschke


Ich benötige fast immer einen Kristallisationskeim, um
einen kreativen Prozeß in Gang zu setzen. Das gilt
umso mehr, wenn es sich darum dreht, die
Vergangenheit zu verabschieden.

Mein Mentor: „Als Künstler, solltest Du einen Teil der Zeit damit verbringen, Deine eigenen Werke vorbehaltlos-kritisch zu betrachten.“

Leichter gesagt, als getan: Im Schaffensdrang tritt dieser Aspekt vollkommen in den Hintergrund. Der ›Flow‹ ist die Grundlage. Die Hand führt den Pinsel, das Bewußtsein die Hand. Kreatives Arbeit benötigt einen Kanal. Diesen Kanal offen und frei zu halten, ist Sinn und Zweck meiner Tages-Routine. Ohne diesen Kanal kann ich meine Arbeit nicht ausführen. Was durch ihn geschieht, enzieht sich allerdings meiner Kontrolle!

Wenn ich meine Arbeiten anschauen, empfinde ich oft eine Art Distanz oder Unbeteiligtheit. Es macht für mich – auf den ersten Blick – wenig Sinn, siet auf mich wirken zu lassen. Mich interessiert vor allem der Flow während des Schaffens. Meine Werke sind wie Verkehrszeichen. Mein Interesse gilt aber mehr dem Zusammenspiel von Fahrer und Fahrzeug. Der Flow beschreibt die Präsenz und das Werk einen kurzen Ausschnitt – das Aufblitzen der Inspiration, den Prozeß des Erschaffens, und den Moment, in welchem sich meine Aufmerksamkeit vom Werk beginnt abzuwenden.

Befriedigung im eigenem Werk suche ich auch nicht. Einmal fertiggestellt, ist der große Zauber für mich vorüber. Mein Werk gehört fortan dem interessierten Betrachter.

Aber es ist wichtig, das eigene Werk auf sich wirken zu lassen. Genau dies ist gerade durch das Bloggen geschehen. Auf der Suche nach einem Photo fand ich Beweggründe, ›Kunstwerke der Natur‹ und Reaktionen. Erinnerungen sprudelten wie Gebirgsbäche hervor und bewirken eine freundliche Umarmung mit der Vergangenheit. Ein Auf und Ab – dynamische Wechselwirkung. Schließlich der Sog, welcher mich wieder in den Flow katapultiert. Ich muß mich fast zwingen, meine eigenes Werk auf mich wirken zu lassen!

Gletscherspalte ’solarisiert‘ an der Schneeglocke 2005

Die Natur ist ›der‹ Künstler schlechthin. Ich kann nur von ihr lernen und mich dazu bereiterklären, alles Künstliche abzulegen. So gesehen erschaffe ich nicht nur Kunstwerke, sondern forme mich selbst. Der Flow läßt all meine Handlungen zu einem kosmischen Spiel werden. Durch ihn gestaltet sich meine Arbeit mühelos.


Im Alpstein-Gebirge Schweiz 2008

Manchmal ist es einfach das Beste, gar nichts zu verändern. Die Grün-Töne im obigen Bild drücken das perfekt aus. Wenn ich
allerdings ein Bißchen ›dran drehen‹ wollte, würde ich
einen Ferrari-roter ›Fleck‹ hinzufügen.

Rosanna in der Schweiz 2008

Statement: „Unsere Besuche in der Natur sollten temporäre Erscheinungen sein und keinerlei Spuren oder gar Schäden hinterlassen. So heftig die Schinderei in Bergen manchmal auch sein mag, sie ist es immer wert und unterstreicht diesen Ansatz. Gesunde Wanderer suchen die Natur und vermeiden jedwede Spuren. Heute werden Pommes-Buden an den entlegendsten Stellen errichtet…“

Unser Körper spiegelt manifestiertes Bewußtsein. Seine Handlungen verraten unsere Motivation. Wir offenbaren in jeder Sekunde unsere Beweggründe … durch unsere Mimik und Gesten.

Die Harmonie einer Erscheinung ist ein Spiegel des natürlicherweise beanspruchten Raums, der über seine physischen Grenzen hinausreicht. Als Künstler kann ich diesen Raum zwar beeinflussen (mißachten), laufe aber immer Gefahr, mich in meiner Begrenztheit zu verlieren und damit das Werk zu verzerren.

Mich drängt es, die Natur als Vorbild und Grundlage zu verwenden. Ich bin davon überzeugt, daß die Kunst – einen Menschen zu portraitieren – vor allem darin besteht, ihm so viel Raum wie möglich zu gewähren. Das ist der Hauptgrund, warum ich Portraits in der Regel mit langen Brennweiten zwischen 150 und 200 Millimeter realisiere.

Palmenstumpf Türkei 2008

Gleichmäßige Ausleuchtung läßt ein Objekt eher flach erscheinen. Genau wie im obigen Photo verliert unser Leben an Tiefe, wenn wir es auf die für den Alltag benötigten Empfindungen reduzieren, keine Risiken eingehen und nur noch funktionieren. Die moderne Unauffälligkeit wird durch Emotional-Kastration erreicht.

Die menschliche Aura (jede Aura) ist eine Abbildung vorhandener Zellteilungsvorgänge. Durch diese Vorgänge wird ein ultraviolettes Licht freigesetzt. Ein gesundes Lebewesen strahlt und leuchtet aus sich selbst heraus.
Die besten Photographen besitzen die Fähigkeit, einem Objekt uneingeschränkte Aufmerksamkeit zu schenken. Diese Aufmerksamkeit gleicht jener, die eine Mutter ihrem Kind oder ein Heiler, seinem Patienten schenkt.
Die Tiefe eines Portraits wird vor allem durch die Freilegung gewöhnlich nicht angeregter Empfindungen erschaffen. Der Rest ist ein Spiel mit dem Licht und Schatten. Die, in der modernen Welt angewandten Tricks, um einem Model ein perfektes Aussehen zu verleihen, hinterlassen sehr oft nicht den geringsten, emotionalen Eindruck in mir. Der Mensch ist keine Puppe aus Wachs. Er ist ein vielschichtiges Wesen aus Licht und Schatten. Das Licht wird durch sein Bewußtsein repräsentiert und die Schatten, durch die physische Existenz. Durch künstliche Ausleuchtung werden sehr oft, die unterschiedlichsten Aspekte nahezu alle gleichgeschaltet. Was dann noch übrigbleibt, hat mit der Natur nicht mehr viel zu tun.

Das richtige Licht … Annabell (ungeschmickt) 2009

Diesen AnBlick werde ich niemals vergessen … mitnehmen, wenn meine Zeit gekommen ist! 🙂

Annabell besitzt die Fähigkeit, ihr Wesen offenzulegen, ohne damit – durch überflüssige Gesten – hausieren zu müssen. Dieses Spiel aus Bereitschaft und entspannter Zurückhaltung ermöglicht einem Photographen, außergewöhnliche Aufnahmen. Schönheit ist viel mehr als reine physische Darstellung. Sie ist der Beweis balancierter Symmetrie zwischen Raum und Objekt. Im Fall eines Portraits spiegelt es die Begegnung von Model und Künstler, welche sich in dem gewählten Raum positionieren. Das Photo ist ein ›Horoskop‹ dieser Begegnung.

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…m…